Suche 

Reise nach Sewastopol

In dem Projekt Austausch Osteuropa arbeiteten wir an dem Thema: Menschenrechte konkret – in Osterholz-Scharmbeck und Sewastopol – ein Blick auf wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aspekte.

 

Das Fachgymnasium Wirtschaft, Profil Osteuropa, hatte vom 2. bis 10.11.2010 Gäste aus Sewastopol Kaleidoskop

zu Besuch. Neben einem Theaterstück wurde ein Menschenrechtsquiz Menschenrechtsquizz erarbeitet.

 

Vom 7. bis 16. Mai 2011 erfolgte der Gegenbesuch in Sewastopol.

Das war schon eine irre Reise!

 

Bremen, 5:00 Uhr:
Treffen am Flughafen Bremen, dann Amsterdam – Kiew, in 2 verschiedenen Flügen, um 16:00 Uhr sind wir wieder zusammen und treffen die Cousine einer Schülerin mit den Bahntickets nach Sewastopol.

 

16 Stunden in der Bahn! Nachdem irgendjemand seinen Pass in Schipol verloren hatte (und fremde Menschen ihn fanden!!!) spielt es auch keine Rolle mehr, dass wir Lehrer auf dem Bahnhof von Kiew bei einem einsamen Koffer stehen, weil unser Schüler sich ohne ihn auf den Weg in den Zug gemacht hat! Auch ein Abteil in einem Liegewagen mit fremden Menschen zu teilen, ist nicht für jeden ganz einfach.

 

Sewastopol:

Was für ein Empfang! Natürlich sind die Gasteltern da, die Schulleitung, die verantwortlichen Lehrerinnen und die Schülerinnen und Schüler des Austausches.

 

Die Unterkunft! Also, bei einer Klassenfahrt wollen alle zusammensein und Party machen. Da haben einige SchülerInnen etwas missverstanden. Es ist ein internationaler Austausch, keine „internationale Party“! Und nachdem die ersten Berichte aus den Familien kamen, kam blanker Neid bei denen auf, die im Hotel waren. Die Gastgeber behandeln ihre Gäste wie kleine Könige, was wir von uns im Hotel nicht unbedingt behaupten können.

 

Der 9. Mai:

Unsere ukrainischen PartnerInnen sind sehr aufgeregt. Wir müssen früh genug dort sein! Sie fragen sich, wo denn?

 

Warum wissen wir in Deutschland so wenig über die Bedeutung dieses Datums? Es ist Montag und es fühlt sich an wie Sonntag. Feiertag. Aber nicht leise. Wer kann geht in die Innenstadt. Parade. Die Ukrainer feiern den Sieg über Nazi-Deutschland.

 

Richtig. Nicht über Deutschland, sondern sehr differenziert. Unsere Schülergruppe (UA und DE) säumt – wie viele andere Menschen – den Straßenrand, um der Parade zuzusehen. Plötzlich ruft jemand aus der deutschen Schülergruppe „Deutschland“. Eine ukrainische Zuschauerin will wissen, was der Schüler gerufen hat. Eine Schülerin aus der Ukraine übersetzt. Unsere Kollegin entschuldigt sich bei der Zuschauerin und ist überrascht, als sie erwidert: „Na ja, das sind junge Leute, die haben den Krieg nicht miterlebt. Man kann vermuten, dass er sein Heimatland liebt.“ Dieses Nationalgefühl der Ukrainer zu erleben, ist uns fremd. Zu Beginn der Parade hört man – wie jedes Jahr – die Originalnachricht von Radio Moskau vom 9. Mai 1945, dass Deutschland kapituliert hat! Gänsehaut! Diese Nachricht bedeutete für die Menschen erst einmal das Ende von Krieg, Tod und Elend! Und diese Erleichterung spüren wir und sind doch irgendwo ganz anders beteiligt!

 

Das Feuerwerk am Abend vom Wasser aus zu sehen, ist ein buntes und farbenfrohes Spektakel.

 

Der 10. Mai:

Die Arbeit beginnt! Gut, auch der gestrige Tag war offizielles Programm, aber hier geht es um die Inhalte. Wir werden in der Schule sehr freundlich von der Schulleiterin Frau Olga Kholodova begrüßt, es folgt ein Rundgang durch die Schule. Irgendwie gibt es Schuluniform und auch nicht. Uns fällt vor allem die freudige Erwartung auf, mit der die jüngeren Klassen diese „wichtigen Gäste“ erwarten. Und voller Stolz zeigen sie ihr Können.

 

Dann zurück im Arbeitsraum werden die Gruppen eingeteilt. Es klappt als hätten wir es geübt. Unsere gastgebenden SchülerInnen haben schon Vieles vorbereitet. Sie stellen den Stand der Dinge dar und ihre Vorstellung über die weitere Arbeit. Die inhaltliche Arbeit beginnt. Die Themen sind:

 

  • Obdachlose
  • Straßenkinder
  • minderjährige Mütter/ allein erziehende Mütter
  • Arbeitslose, Drogen- und Alkoholsüchtige
  • Waisenkinder

 

Der 11. Mai:

Am Vormittag gilt es die vorhandenen Informationen aufzuarbeiten und Ergänzungen zu finden. Die Präsentationen für den Abschluss müssen erstellt werden. Material für die Visualisierung wird benötigt. Die ukrainische Verfassung wird herangezogen und es wird untersucht, wie die für diese Gruppe relevanten Menschenrechte dort verankert sind. Sie werden gefunden und die SchülerInnen stehen im Widerspruch zwischen Realität und Norm.

 

Am Nachmittag findet eine Stadtführung unter Leitung einer Kollegin der „Schule 35“ statt. Die Krim ist wohl einer der ereignisreichsten Plätze in der Geschichte dieser Welt! Vor allem tut sich hier das Spannungsfeld Russland-Ukraine auf. War unsere Begleiterin bei der Parade ergriffen von der ukrainischen Nationalität, so ist die Kollegin jetzt ganz Russin! Faszinierend ist dabei, dass ihr Vater Ukrainer und ihre Mutter Bulgarin (Verzeihung, falls das nicht ganz richtig ist!) ist. Nationalzugehörigkeit nicht durch Geburt, sondern durch freie Entscheidung?!

 

Der 12. Mai:

Die Arbeiten schreiten voran, die vorher eher abstrakten Informationen verdichten sich zur Veranschaulichung bei der Präsentation. Zentraler Punkt ist aber heute ein Besuch in der Universität. Nach dem Abitur in Klasse 11 findet ein 5-jähriges Studium statt. Wir sollen auf Deutschstudenten des 6. und 8. Semesters treffen.

 

Die Studenten haben, teilweise sehr provokante, Fragen zu den Menschenrechten bekommen. Sie sollen unseren SchülerInnen gegenüber ihre Position dazu darstellen. Das anschließende Thema ist „Bildungschancen in DE und der UA“.

 

Letztendlich ist das das Wichtigste, was sich ergibt. Jeder unser deutschen SchülerInnen ist in einer Gruppe und eben von der deutschen Sprache her von originärer Bedeutung. Und je mehr wir Lehrer uns zurückziehen, desto intensiver wird der Austausch!

 

Nachmittags fahren wir nach Bachcisarai, der ehemalige Tatarenhauptstadt. Was als touristische Attraktion erscheint, ist in Wirklichkeit ein knisternder Brennpunkt der Geschichte! Tataren sind Moslems, ihre Hauptstadt mit dem Herrscherpalast lag strategisch geschickt weit im Hinterland und wurde dann aufgegeben.

 

Unsere Führerin spricht in exzellentem Deutsch. Wir besichtigen den Harem! Es war ein Herrscherpalast. Wie fühlen sich Frauen, deren Lebensraum 2000 qm groß ist, den sie mit der Mutter und mindestens 2 anderen Frauen teilen, in dem ihre Töchter leben, bis sie in einen anderen Harem verschickt werden, der sicherlich kleiner ist, denen mit 7 Jahre die Söhne genommen werden, weil sie dann von den Vätern erzogen und sie sie nie wieder sehen werden! Eine sehr spannende Frage.

 

Der 13. Mai:

Unsere Abreise ist für Sonntag geplant. Also müssen unsere Ergebnisse am Freitag präsentiert werden. Das Fernsehen hat sich angesagt. Die Spannung knistert durchaus, die Präsentationen müssen fertig, die Redeanteile in den Gruppen verteilt, die Reihenfolge festgelegt werden.

 

Die Darstellungen sind ausgesprochen souverän! Alle Schülerinnen und Schüler sind mit Beiträgen beteiligt. Natürlich präsentiert sich auch die Schule. Tanz und szenisches Spiel sind von großer Bedeutung.

 

Das Abschlussabendessen ist opulent. Wer hätte das gedacht? Geht doch! Damit wollen wir nicht sagen, dass unsere Ansprüche überhöht wären. Aber mal nicht fast gare Fleischklopse mit Nudeln zum Frühstück hätte durchaus etwas gehabt. Eltern waren vertreten, natürlich die Lehrerinnen und wir als Gäste. Es war ein sehr unterhaltsamer Abend. Und Trinksprüche gehen auch mit Mineralwasser oder Wein.

 

Der 14. Mai:

Es ist Samstag, geplant ist ein Ausflug an die Südküste nach Jalta. Jalta, 2. Weltkrieg, das sagt uns doch was? Na gut, einigen. Die Konferenz war gar nicht in Jalta, sondern in Livadiia und auf dem Weg nach Jalta besichtigen wir den Garten des Voronzovpalastes.

 

Was tut Katarina die Große um ihr Land weiter zu entwickeln? Sie verschenkt es! Das ist schon eine geniale Idee. Sie verschenkt einen Teil der Krim an den Grafen Voronzov. Will er das nutzen, dann muss er Straßen bauen, sicherlich auch einen Palast für sich, Menschen müssen wohnen und leben. Das Problem der Leibeigenschaft ließe sich sicherlich vertiefen.

 

Der Charakter von Jalta ist völlig anders als der von Sewastopol. Und im Gespräch wird Odessa noch einmal dagegen gestellt. Jalta, das an Monaco erinnert, Sewastopol, bis vor wenigen Jahren eine verbotene Stadt, geprägt vom Hauptkommando der russischen Flotte, Odessa, mit unverkennbarem französischen Einfluss und dem leichten Leben.

 

Der 15. Mai:

Abreise! Und voller Erstaunen wird im Hotel registriert, dass es nicht eine Beschwerde über unangebrachtes Verhalten unserer SchülerInnen gab. Nichts ist kaputt! Die Inspektion wird so durchgewunken! Es ist schon eine tolle Gruppe! Das soll nicht heißen, dass es nichts Pikantes gab. Es war eben auch eine ganz normale Klassenfahrt.

 

Wundert es irgendjemanden, dass während der Fahrt ein Schüler kommt und sagt, dass er seinen Pass nicht finden kann??? Ausreise geht nicht, kommt nie zu Hause an. Also, in Kiew volles Programm.

 

Der 16. Mai

Wir fahren mit dem Schüler zur Botschaft, ach so, die Sicherheitskontrollen! Alles an Technik muss vorher abgegeben werden, dann wieder anstellen! „Wenn Sie Glück haben, dann können Sie ein Ersatzdokument morgen bekommen!“ Unser Flieger geht aber in 5 Stunden! Ich tu mein Bestes. Haben Sie Passbilder? Wie gut, dass Sie Kopien vom Pass haben (die verboten sind!!)

 

Raus, Hinterhof. Sehr improvisiertes Fotogeschäft, aber das Produkt erfüllt die Norm. Wir stellen uns wieder an und nach Stunden erhalten wir ein Ausreisedokument. Die Kollegin fragte diverse Male nach dem Stand der Dinge, zunehmend verärgert. Kann ja nicht wissen, dass unsere Devices im Zelt hinter der Botschaft liegen, das von einer deutschen Anwaltskanzlei betrieben wird.

 

Um 15:00 ist das Dokument fertig, um 18:00 geht der Flieger. Einige unserer SchülerInnen waren in der grandiosen Innenstadt von Kiew, die anderen mussten mit dem Wachpersonal von Mc Donalds kämpfen. Alles klappt. Am nächsten Morgen lese ich die Mail der Gastmutter: Wir haben unter dem Bett einen Pass gefunden. Was sollen wir tun?

 

Wir heben ab Richtung Amsterdam, genießen die langen Wege in Schipol. Und wer muss in die Sonderkontrolle? Der Lehrer!!! Der Kaviar war’s! Ok, man lernt, keine Gefäße ins Handgepäck! Wenn man es eben nicht vergisst.

 

In Bremen steht der Abholservice bereit. Viele Eltern und sehr nahe Freunde, die man als Lehrer nach solch einer Reise fast wie Bekannte begrüßen kann. Nur der eine Koffer fehlt, der mit einem Krönchen für eine unserer Prinzessinnen.

 

Aber am nächsten gemeinsamen Unterrichtstag ist auch der angekommen. Alles ist in Ordnung! Jetzt nur noch Berichte, Abrechnungen, Abschlusselternabend, Kleinkram eben. Von wegen.

Ansprechpartner:
Herr von Bestenbostel